Unnötige Bewegungen

Fränk Heller
Unnötige Bewegungen zur Zeit der Mandelblüte
                                                                                                                        
I
Ich bin der Ermittler und ermittle in viele Richtungen. Das ist wichtig. Es ist wichtig, es so anzugehen. Eine Landkarte zu erstellen, die jede unserer Fluchtbewegungen festhält. Die jede dieser möglichen und abgebrochenen Reisen dokumentiert. Ich bin auf der Spur des namenlosen Dinges, das wir verloren haben. Das ich verloren habe. Und es ist wichtig, den Weg zu Ende zu gehen, damit ermittelt werden kann, welche Folgen es hat. Ich bin der Kartograph unserer Möglichkeiten. 
Vielleicht wäre es wichtig, dir jetzt ins Ohr zu flüstern, dass dieses Stück Kupfer an deinem Handgelenk mir durchaus gefällt. Auch wenn es über Nacht einen grünlichen Schimmer auf deine Haut gezeichnet hat. Vielleicht auch gerade deswegen. Und obwohl ein allzu freundlicher junger Mann es dir gestern am Hafen geschenkt hat. 
Ich sage kein Wort. Vielleicht schläfst du auch noch.
Ich kann nicht mehr flüstern. Um es nicht laut sagen zu müssen, um dich nicht zu wecken, um nicht in dein verschrecktes Gesicht blicken zu müssen, schweige ich. 
Damit dein Gesicht nicht wie eine Narbe wird. 
Und die weißen Vorhänge sind schon voll gesogen mit Licht und Kinderschreien und Vormittagsgeschäftigkeit. Das Meer klackt leise gegen die Mole und erzählt von seinen Leichen, und wahrscheinlich bemerkt das keiner. Ich höre das Klacken und weiß, es geht dabei um Leichen, bis in unser Schlafzimmer hinein. 
Seit kann nicht länger flüstern; es wäre die Art der Frischverliebten und derer, die Geheimnisse teilen. So liege ich neben dir und schweige und weiß, dass ich aufbrechen werde. In Stille. Die Umarmung lösen, ganz vorsichtig, um deinen Morgentraum zu schützen. Statt an deinen warmen und feuchten Nacken also: das Gesicht an ein beschlagenes Abteilfenster pressen. Kühlung, irgendwie, durch fremden Atem. 
Und ich weiß, dass draußen die Mandelbäume blühen. 

II
Dass dort, wo ich dich zurückgelassen haben werde, alles in Blüte steht. 
Auch deshalb bin ich bereits am Pier und warte, bis die Fährarbeiter die Taue an Land geworfen haben. Die Mandelblüte ist nicht meine Zeit. Ein Fuß schon auf die Ladeklappe (schlaffe Unterlippe, denke ich, des müden weißen Meernilpferds, mit seinem Sabberschädel auf deinem Strand) Und mein Zögern mag nur ein Anflug von Verantwortungsgefühl sein, nämlich: Wie wird es dir ergehen auf der Insel? Und während mich ein Einheimischer, der die Insel gar nicht schnell genug verlassen kann, vorwärts schubst in Richtung des Aufstiegs, habe ich die Bedenken weggewischt, wie man nach einem Bad im Meer den fauligen Salzgeschmack von den Lippen leckt, ohne aufzustoßen.
Und das Meer ist immer das Meer, wie man sagt, und am Grunde der Ägäis scheppern die hohlen Knochen alter Helden, dort rollen die Schienbeine homerischer Krieger in schöner Eintracht mit Piratenkiefern und Kreuzrittersteißbeinen, sie schmücken sich mit Mollusken und bunten Tentakeln, als vermissten sie Rüstung und Federbusch. Und schon merke ich, wie der brennende Salzwind und das Stampfen unter Deck mir das Hirn vernebeln. Fahrten übers Meer haben immer etwas Psychedelisches. Ich bin kein Freund des Psychedelischen.
Und deshalb bin ich auch schon in Piräus. Der Ermittler. Einmal haben wir hier eine Nacht verbracht. Da fing es an. Da machten wir uns auf die Suche nach deinen Stränden. Dort, unter Oleanderbüschen, eingezwängt zwischen Küstenstraße und Hafenareal, verbrachten wir die Nacht im Freien. Du hattest Angst vor Ratten. Wir schmiegten uns aneinander und schützten uns vor dem Ort, den du eine Wunde nanntest. Du sagtest: Hier öffnet sich die Eiterbeule, hier entlässt die Stadt, was sie krank macht. Und ich erinnerte mich des Anblicks, den der Hafen aus der Luft bot. Der weißen Flocken, die er ununterbrochen ausstößt und aufs Meer spuckt, und ich nickte. Warum fällt mir gerade dieses ein? Warum fällt mir nicht ein Abendessen in einem Straßencafé in Plaka ein, der schöne Kontrast von Blau und Orange, den die Gasse im Abendlicht bot, und wie sich der Geschmack des Mawro Krassi mit dem unserer Küsse verband – mit einem Hauch von Labello, worüber wir scherzten?
Und raus aus Athen. Die Züge sind noch genauso überfüllt wie damals, und es ist in den Waggons genauso heiß, und der Getränkeverkäufer sitzt immer noch im Dunkeln und holt mit einer Taschenlampe das Bier aus der mit Eis gefüllten Holztruhe. Und immer noch teilt man das Abteil mit schwitzenden jungen Soldaten, die sich anschmiegen, sobald sie eingeschlafen sind. Nur die Zugstrecke ist eine andere, ich muss jetzt öfter umsteigen. Und es ist niemand da, an den ich selber mich schmiegen wollte.
Wieso um alles in der Welt habe ich diese Fahrt angetreten? Hier gibt es nichts zu ermitteln. Ich lasse die Mandelblüte hinter mir, und während die Erde sich aufwölbt zu riesigen Klumpen versteinerter Leidenschaft, die mir Angst machen, weil Kälte sie zusammenhält, denke ich mir Gründe aus für meinen Abschied. Aber es ist schwer, dem Pathos zu entgehen, wenn einen die Landschaft erdrückt. Ich will nicht denken, solange sich die Gedankenfetzen zu solchen Sätzen ballen.

III
Und schon erreiche ich das flache Land der Krüppelkiefern und Birken. Die Stadt, die ich mir vor langer Zeit zur Heimat gewählt habe, weil meine erste Heimat mir zu gemütlich wurde, hat viel Himmel. Jemand, den es auch dorthin verschlagen hat, sagte einmal: der Himmel ist groß über Berlin.
Dann gibt es einen Stillstand. Es ist nicht nur, dass der Zug plötzlich stehen bleibt und es unter den Fahrgästen gerüchteweise heißt, jemand hätte sich auf die Gleise geworfen. Die Welt steht still. Die Schaffner schlurfen fast lautlos über die Gänge, plötzlich müde geworden. Draußen regnet es lautlos. Die Farben der Erzählung bleichen aus, die Zeit stockt. Es ist unerträglich. Was gibt es noch zu ermitteln? Ich kann nicht nach Berlin gewollt haben, als ich aufbrach vor Tagen, auf das Klacken einer Welle hin. Die Stadt existiert nicht ohne dich. Dort werde ich nur Vergangenes finden, nur solches, was unser war, nichts, was mir allein gehört hat und einen Ansatz böte.
Jetzt, am Ostbahnhof, weiß der Ermittler, wieso er gekommen ist, und dass er hier nicht bleiben kann. Ermitteln nach allen Richtungen. Frage nach der Liebe. Zu gemütlich ist es geworden an deiner Seite, und meine Reisen sollten wieder mehr sein als nur Ausflüge heraus aus der Stadt und Wege zurück in die Stadt, und war nicht das Leben mehr gewesen damals, als noch Verliebtheiten lockten. Und schon wechsele ich die Euros in Zloty, und Warschau ist ein mögliches Ziel, denn in meiner Brieftasche steckt eine polnische Telefonnummer und eine Adresse in Warszawa. Und dort steckte sie schon, als ich loslief als Ermittler, weil ein paar Wellen sachte an die Mole klackten. Und in Warschau werde ich mich vielleicht anschmiegen können, und werde nicht an all die Leichen denken müssen, über denen die Stadt sich türmt.

IV
Und schon bin ich da und stecke eine Fahrkarte zum Entwerten in den Automaten einer Tram, die mich schlitternd auf vereisten Gleisen über die Weichsel fährt. Dann  stehe ich im Schnee vor einer Haustür und kenne den Türcode nicht. Ich denke an das menschliche Wesen, das mich hergelockt hat. Ich kann das Gesicht nicht erinnern. Auf deiner Insel blühten die Mandelbäume. Es fällt die Nacht, es schneit, und es ist kalt. Am Telefon meldet sich eine Stimme. Ich sage nichts. Die Stimme fragt etwas auf Polnisch. Ich höre der Stimme eine Weile zu. Es ist eine angenehme Stimme. Fragend. Ich antworte nicht.  Ich denke an die Mandelblüte. Die andere Seite beendet das Gespräch.
Jetzt wirst du wach. Ich spüre deinen warmen, feuchten Nacken erst wieder an der Stirn, als du dich aus meiner Umarmung befreist.
Ob ich schon lange wach gelegen hätte. Ich bejahe lächelnd. Du sagst, ich hätte dich wecken sollen. Du deutest auf das blähende Segel der Balkontür, das prall ist von Mittagslicht und Meereswind. Und du sagst: Hast du denn gar nicht gehört, wie lustig die Wellen an die Mole klacken?
Mir war wichtig, flüstere ich, dich noch eine Weile in den Armen zu halten.






  
(veröffentlicht 2005 in der mehrsprachigen Luxemburger Anthologie „Iwwer Bierg an Dall – Lëtzebuerger Auteuren op der Rees“ anlässlich der 11. Walfer Büchertage, Editions Guy Binsfeld, alle Rechte beim Autor und der Gemeinde Walferdange)Meine%20Texte.htmlMeine%20Texte.html