Fränk Heller:
Die toten Insekten
 
Sparsam sein. Die Bewegungen einebenen. Den vibrierenden Kosmos verleugnen. Was sind das für Arbeiten vor meiner Haustür?
Sie stemmen die Straße auf. Sie stemmen meinen Traum auf. Es lärmt. Ich hasse den Lärm. Er gehört nicht zu meiner Welt.
 
Jetzt, in einem kurzen Augenblick der Stille, ein weiterer Anschlag auf die Stille. Zaghaft, fast verschämt diesmal. Dennoch beunruhigender als diese Vibration, die durch die Wände zittert und die Klappspiegel des hundertjährigen Waschtischs zum Klirren bringt, als spiegele sich darin die jugendliche Erwartung eines Liebhabers. Anders. Kurz, endgültig war dieses kleine Geräusch, ohne Nachwirkung und leicht zu überhören für den, der nicht zu horchen versteht. Nur ein kümmerliches „Plock!“, das nicht hierher gehört, „plock!“, wie ein Lidschlag. Unüberhörbar wie der Lidschlag eines Bettgenossen - also ganz falsch.
Ich schlage die Augen auf. Glatt gestrichenes Laken über die ganze Breite, von meiner linken Schulter bis zum jenseitigen Nachttisch, wie erwartet. Dort, wo einst – und wie lange ist es her? – wo Wellen ineinander stürzten, wo Interferenzen waren, wo wir unsere Geschichten in die Laken falteten. Wo es Muster des Wiedererkennens gab im Stoff und in den Schlieren. Wo es solche Muster nicht länger gibt, wo die Welt wieder glatt gestrichen ist und ohne Schlieren.
 
Ein Käfer ist auf den Laken gestorben. Marienkäfer. Abgestürzt, „plock!“, mit eingeknickten Krabbelbeinen. An meinem schlechten Atem verreckt. Ich starre auf das tote Insekt, ohne den Kopf zu heben. So nah an meinem Gesicht hat der Käfer aufgegeben, hat die Krabbelbeinchen zu einem letzten Knien eingefaltet, ist an einer versagenden Wirklichkeit gescheitert, an der Luft, die ihn nicht länger tragen wollte, hat kapituliert so nah an mir, dass ich schiele, wenn ich die Punkte auf den Flügeldeckeln zu zählen versuche. Ich weiß, sie haben mit den Lebensjahren gar nichts zu tun. Man lernt es in der Schule oder hat es in einer dieser Zeitschriften gelesen, die Kindern nicht zugänglich gemacht werden sollten, die Kinder erstmalig zweifeln lassen an ihrer magischen Welt, an dem, was sie über die Welt zu wissen glauben. Die Punkte auf den Flügeldeckeln der Marienkäfer sind bedeutungslose Dekoration; wie sollte es anders sein, es gibt ja keine ungeraden Punktzahlen. Wie dumm ist man gewesen, zu glauben, ein Gott verzeichne die abgelaufenen Lebensjahre, niemand interessiert sich dafür, die Insekten sterben zufällig, sie sterben an ihrem ersten Lebenstag oder am achtunddreißigsten, das interessiert keinen Gott, und kein Mensch nimmt es wahr.
 
Ich mache die Augen wieder zu.
Es ist wichtig, anzuschlafen gegen diese Dinge, gegen das Sterben in den Dingen, gegen die Tatsache, dass etwas einfach aus dem Himmel fallen kann, dass etwas glänzend Buntes einfach abstürzt; und deshalb mache ich die Augen wieder zu.
Mich mit der Traumkugel umgeben. Mich einniedern. Zwischen sinnlos Aufstrebendem. Im Schiffsbauch.
 
Und wieder mutig dem Presslufthammer trotzen, der die Planken aufgraben will. Was suchen diese Leute dort im Dreck?  
Es nicht zulassen, dass der Hammer alles Feste und Bergende in Schwung versetzt, bis es bricht. Neuen Teer anrühren und in die Fugen gießen. Den ganzen Rumpf kalfatern. Breschen auffüllen, Risse stopfen, alles mir noch Bekannte miteinander verschweißen, bevor einer kommt und meine losen Planken davonträgt. Niemanden einlassen.
Ich schreibe mir Anweisungen und tapeziere mein Unterdeck mit angepinnten Merkzetteln. Auf der Hut sein. Schlafen!
 
Heute nicht schwitzen zu müssen ist hilfreich. Die Schmerzen bleiben erträglich. Keine Berührung zulassen als nur die der Bettdecke. Der Sonne empfehlen, am schlecht verhangenen Fenster vorbeizuziehen. -
Und vielleicht, so für sich, in jemandes Armen und Augen liegen, weil man es doch nicht lassen kann, so für sich, an diese Dinge zu denken. Ihm aber kein Gesicht geben. Ihn nicht ermuntern, sich zu bewegen. Die warme Reglosigkeit fühlen und sich sagen, ich bin geborgen in einem Arm und einem Blick.
                 Ich denke mir einen Menschen und du bist es nicht.
 
Es stimmt: Die Traumkugel, so rollend ohne Ziel, kommt nur zur Ruhe im Sichtfenster des fremden Blicks. Und sei es ein erträumter. Das spielt längst keine Rolle mehr.
Nicht an den Intendanten Scheurich denken. Der Intendant Scheurich trat spät in unser Leben, und ich hatte ihn nicht eingeladen. Ich weiß noch nicht einmal, ob du ihn eingeladen hattest. Er war plötzlich da, er nahm vermutlich nur den ihm zugedachten Platz in der Geschichte ein. Marienkäfer fallen aus dem Himmel, und auch sie nehmen nur den Platz ein, der ihnen von Anfang an zugedacht war.
                 Nicht an Insekten denken. Nicht an Borrelien denken.
 
Tote Insekten. Ich bin umgeben von toten Insekten und war es immer. Das Kind rollt und hüpft im Garten und sammelt Käfer ein, lässt sie krabbeln und sperrt sie in einen leeren Joghurtbecher. Eine Königslibelle, riesig, schillert im Gemüsebeet, leblos, die Flügel unversehrt, unversehrt der Buntstiftleib, auch die blind schillernden Augenbälle, die riesigen, und das Kind kann nicht glauben, dass sich dieses Ding nie wieder in die Luft erheben und ihm Angst machen wird. Ängstlich und fasziniert stopft es den Fund ins Einmachglas, in den Joghurtbecher, in den Plastikeimer, und ein starrer Flügel bricht ab dabei. Unmöglich, ihn wieder anzustecken. Vom Tod, der nicht aussieht wie der Tod, geht kein Schrecken aus als nur der, dass nun der Flügel endgültig ab ist für immer; aber von einem vielleicht verbliebenen Funken Leben in dem Regenbogending, das aus dem Himmel gestürzt ist. Davon geht ein Schrecken aus.
                 Das Unveränderliche ist unglaubhaft. Gefahr geht aus von dem, was sich bewegt, was groß
                 und schillernd chaotische Flugbahnen zieht und aussieht, als könne es beißen oder stechen.
                 So hat es das Kind gesehen.
 
Und das Kind drückt Raupen platt; dann suppt gelbe Jauche aus den Raupen, und den Geruch erlöschender Raupenleben trägt das Kind an den Fingern nach Hause und wird ihn nie mehr vergessen. Es ist ein langsames Begreifen. Der Tod nistet sich ein im Bewusstsein und wird nur allmählich zur Bedrohung.
Das Kind liebt die Tiere. Es füttert sie mit Blättern und Petersilienstängel. Dann drückt es sie platt und ist erregt und weiß nicht wieso und ordnet das Gefühl nicht zu. Das Kind schnuppert an den Raupenresten und schnippt sie aus dem Joghurtbecher. Dann trauert das Kind eine Weile und weiß es nicht zu sagen, weiß nicht zu sagen worum und wozu, aber mit jedem der vielen toten Insekten reift das Kind allmählich hinein in die namenlose Trauer, weil es mit jedem toten Insekt ein bisschen deutlicher begreift, was Endgütigkeit ist. Früh bringen uns die Insekten bei, dass etwas nicht stimmt im Gefüge der Welt. Und wir wachsen hinein in die gottlose Traurigkeit des Joghurtbechers, mit jedem absplitternden Flügel etwas tiefer.
 
Jetzt hat mir also ein toter Marienkäfer die Endgültigkeit unter Deck gebracht. Vergessen ist die Umarmung, in die ich mich hineinstemmte. Nur Bettdecke und eigene Wärme, nur eingebildeter Blick. Zerstoben der Traum. Und du bist längst nicht mehr da. Wer außer dir aber könnte, wenn ich das Wachsein zulasse, noch übrig sein? Und du bist nicht da, natürlich, denn du bist in Sicherheit. Du hast dich in Sicherheit gebracht.
 
                 Ich öffne wieder die Augen und meine, jenseits des Fenstervorhangs die Kastanie schon
                 ganz in Flammen zu sehen, als wäre es das alte, verlogene Bild. Vor blauem Himmel lodert
                 im Oktober der Tod im Geäst, und rede mir bloß keiner vom Indianersommer.
Nur nutzlose Zuversicht aus Gelb und Rot und Blau und Lichtem. Einmal hatte ich die Raupe eines Schwalbenschwanz im Petersilienbeet gefunden. Das Kind fand eine grüne Raupe, schwarz gebändert und orange gepunktet; mit einem ausfahrbaren, gelben Geweih, wenn man die Raupe am Nacken packte. Dort, wo ich aufwuchs, gab es keine Schwalbenschwänze. Von weit her musste die Raupe ins Petersilienbeet getragen worden sein. Ich erkannte die Raupe sofort, denn es gab eine Abbildung von ihr in einem Buch. Auch das gelbe Geweih war abgebildet gewesen, obwohl es nur heraustrat aus der Raupe, wenn man ihr den Finger ins Genick setzte.
Es ist eine traurige Geschichte, ich sollte die Erinnerung nicht zulassen.
Aber so ist das mit den Erinnerungen.
Ich hatte die Raupe natürlich am Leben gelassen, hatte sie in einen großen, verschließbaren Eimer gesetzt und die Abdeckung mit Luftlöchern versehen. Die Raupe hatte sich nach wenigen Tagen verpuppt, die Puppe, die sich mit zwei Seidenfäden an einen starken Petersilienstängel geheftet und dort, abwartend, sich gefährlich zurückgelehnt hatte, sah genau aus wie in dem Schmetterlingsbuch, das mir zum Geburtstag geschenkt worden war. Eines Nachts befreite sich der Schwalbenschwanz und entfaltete die Flügel. Als ich am frühen Morgen vor dem Schulgang in den Eimer sah, hockte ein prachtvoller toter Schmetterling auf der zerborstenen Puppenhülle. Vielleicht brauchen Schmetterlinge mehr Atemluft als Raupen. Trotz der flammend roten, blau gerahmten Augen an den zitronengelben Flügelrändern, trotz der unbegreiflichen Verwandlung eines Wurms in dieses zerbrechliche Wesen, das die Weltkarte auf den Flügeln trug wie einen Passepartout, hatten seine Ausweise der Wirklichkeit nicht genügt. Meinem Schwalbenschwanz hatte jemand den Grenzübertritt verboten, und vielleicht war ich dieser mächtige Jemand gewesen, ohne mir der Bedeutung meines Amtes bewusst zu sein. Der vormalige Wurm hatte einen gültigen Ausweis vorgelegt, die ganze Welt war darauf verzeichnet gewesen als Muster von Straßen, Wegen und Flüssen, wie man sie nur vom Himmel herab erkennen kann, jeder konnte die Botschaft begreifen, sie war keineswegs verschlüsselt. Aber der Schwalbenschwanz war in einem Plastikeimer verreckt, vielleicht hatte er atmen wollen, und die Luft im Plastikeimer hatte nicht mehr ausgereicht. Er war im Eimer verreckt. Vermutlich in dem Plastikeimer, mit dem später wieder das Wischwasser des freitäglichen Hausputzes ins Klo gespült wurde, hunderte Male, bevor auch der Eimer auf dem Müll landete.
 
Wieder ein Moment des Einhaltens. Andere Geräusche. Das Draußen fügt sich nicht. Es rollt eine Bierflasche. Ein Hund wird angebellt mit heiserer Bierstimme. Draußen. Es sind die Jungs vor der Kaufhalle, die gegen die Langeweile anflegeln. Die Langeweile ist mir kein Thema.
 
Mach die Augen zu. Freu dich, dass du kaum Schmerzen hast und still liegen kannst. Dass du nicht schwitzt, dass dein Herzmuskel keine Kapriolen macht. Dass du noch nicht vollends wach bist. Dass du umdrehen, „auf dem Absatz kehrt machen“, dass du zurückkehren kannst, eine Weile noch und noch eine halbe Weile vielleicht. Und ob es nach anderthalb Weilen noch eine dir zugestandene Weile gibt: das weiß niemand. Nicht der Sohn und nicht der Vater und niemand.
 
Nicht an Insekten denken. Denk nicht an Insekten. Und denk nicht an Borrelien. Die Traumfliesen neu verfugen, die Brüche kitten. Bei sich sein. Sich vorstellen, man wäre mit sich im Reinen. Sich vorstellen, es hätte diese Liebe nicht gegeben über drei Jahre, nicht die Schmerzen in den Gelenken, keine Störung der Säfte, nicht die Überforderung, nicht dein Mitleid, kein Fallen aus den Geschichten, nicht diese letzte Erregung, die dich schließlich aus meinem Bett und über die Straße trieb. Hinaus in eine Welt, in der sich der Tod noch bunt ausnimmt und die Indianerwälder fröhlich in Brand setzt.
 
Ich beneide diese Jungs vor der Kaufhalle, wie sie ihr Eigenes auf den Gehweg wuchten, kotige Stiefel wie Trophäen umständlich an die Füße gesenkelt, wie sie sich auszirkeln aus dem Weltenlauf, schwankend, wie sie mit dem Mut der Unbedachtheit ihr Leben verkaspern. Ich liebe diesen rotzigen Lärm.
 
Natürlich denke ich an Insekten.
Die Rache der Insektenwelt. Ein winziges Ungeziefer, entdeckt beim Baden nach einer Frühlingswanderung, winziges totes Ding an meiner Flanke, im heißen Wasser mit dem Köpfchen in der Bisswunde erstickt. An meiner Flanke. Nicht in irgend einer selten besuchten Hautfalte, nicht versteckt irgendwo unsichtbar zwischen wuchernder Körperbehaarung, sondern einfach unbemerkt an meiner Seite, auf glatter Haut, nicht tiefer als der Unterarm. So fing es an. Ich wusste es nicht. Ein dummer Zeckenbiss. Man denkt vielleicht an Hirnhautentzündung. Eine Woche später ist der Zwischenfall vergessen. Man hatte keine Genickstarre, keine Kopfschmerzen. Später ein wanderndes Kainsmal, das man nicht wahrnehmen wollte, das man übersah. Leicht gerötete Spur quer über den Oberleib. Wer hatte je von Borrelien gehört?
Und in den Gelenken wurden Schmetterlingsraupen wach, viel später. Niemand wusste von Borrelien. Die Raupen krochen um die Knie und fingen an, in den Tiefen der Gelenke sich einzuspinnen, Kokons zu bauen auch in der Brust.
Während unsere Liebe erschlaffte, begannen meine Schmetterlinge, rasend vor Freiheitsdrang, heftig zu schlagen mit den Flügeln. Ein Flattern, dann ein Dreschen.
 
Mir erfroren die Muskeln Strang um Strang, und auch du frorst ein, eine Armlänge von mir entfernt auf diesen Laken, ich hielt dein Entsetzen nicht mehr aus, den fremden Blick vom benachbarten Kopfkissen.
Als du endlich mit der lieben Gewohnheit brachst, stets vor mir einzuschlafen, du in meinem Blick geborgen, als sei mein Blick dein Schutz vor der Welt, - als du damit brachst und wach lagst und Mitleid dein Zutrauen erdrückte wie ein zu eng geschnürter Kokon, der nie wieder etwas leicht Dahinflatterndes hervorbringen kann, da schlief auch ich nicht mehr, gar nicht mehr.
 
Da war ich längst aus allen Landkarten gefallen. Mein Behindertenausweis, das hatte ich nicht geahnt, verletzte gewissermaßen ein Verbot doppelter Staatsbürgerschaft, man kann nicht unter Deck sein und gleichzeitig im Indianersommer, ich war also im eigenen Kokon erstickt. Der Passepartout, den ich bei mir trug, die Karte, die ich auf noch unentfalteten Flügeln bei mir zu tragen wähnte, sie waren nichts wert. Ich war unversehens aus der eigenen Geschichte gefallen, aus unserer gemeinsamen Geschichte, plock.
Und ich erinnerte mich vage der Erregung, die das Kind empfunden hatte, als es die Raupen des Kohlweißlings zerdrückte.
Ein Schädling, hatte man mir gesagt. Gott hat die Parasiten geschaffen, damit wir nicht träge werden. Man tritt den Kohlweißling tot. Man zerdrückt die Raupe zwischen Zeige- und Mittelfinger. Das ist nicht schlimm. Gott liegt nichts am Kohlweißling. Wenn er umherflattert, gut, wenn er uns entwischt ist in seinem ersten Leben, dann soll man ihn flattern lassen in seinem zweiten, Gott hat ihn zu unserer Unterhaltung geschaffen, zu unserem Ergötzen, denn der Kohlweißling, das muss man wissen, ist der einzige Schmetterling, der überhaupt noch flattert dort, wo ich aufgewachsen bin, also lässt man ihn flattern. Die Raupe drückt man platt. Sobald der Kohlweißling Flügel hat, frisst er den Kohl nicht mehr an, er saugt Nektar aus den Blüten, vielleicht ist er am Ende sogar nützlich. Das sind die Unterscheidungen, die man trifft, dort, wo ich aufgewachsen bin.
 
Es gibt keine Schwalbenschwänze dort, wo ich aufgewachsen bin, es gibt wohl manchmal einen Kleinen Fuchs, aber schon der Admiral ist so selten wie das Pfauenauge. Also lässt man den Kohlweißling flattern, wenigstens flattert da noch Etwas, und er entfernt sich nie sehr weit, seine Brut wird immer unter uns sein, dagegen können wir gar nichts tun, sie existiert, damit wir nicht träge werden, sie schlüpft auf dem Kohl und frisst nichts als Kohl, und man zerdrückt die Brut zwischen Zeige- und Mittelfinger, und das Blut stinkt wie das Blut aller Raupen, es ist gelb und nicht rot, es ist gar kein Blut, man wischt es einfach ab. Überleben welche, ist es nicht schlimm; sobald sie Flügel haben, sind sie nützlich geworden und keine Parasiten mehr. Man behandelt sie anders.
Der Kohl ist eine niedere Pflanze. Er riecht schon streng, bevor man ihn fertig zubereitet hat. Man denkt schon an die Fürze, noch bevor der Kohl weichgekocht ist.
Die Deutschen, so weiß man dort, wo ich aufgewachsen bin, ernähren sich quasi ausschließlich davon, genau wie die Polen. Aber die Polen sind katholisch. Man will kein Deutscher sein. Den Luxemburgern ist es wichtig festzustellen, dass sie keine Deutschen sind. Dennoch sorgen sie sich um ihre Kohlköpfe.
 
Und nun stelle ich mir vor, dass du vielleicht in diesem Moment die Straße vor meinem Fenster entlang stöckelst, hochhackig, aufgefliedert zu einem Termin mit diesem Intendanten Scheurich, der, wie mir aufgefallen ist, sich die Handrücken rasiert; und wie du dann, hier an der Kaufhalle, plötzlich die Gesichtsfarbe wechselnd und zu spät die Straßenseite, über die Breite der Straße hinweg mit borstigen Komplimenten angeworfen wirst von den Jungs meines Entzückens, die dir hinterherschnuppern. Er rasiert sich die Handrücken. Das verstehe ich nicht. Ich kann es mir nicht erklären. Aber ich weiß, wieso die Jungs vor der Kaufhalle dir hinterherschnuppern.
 
Und war es nicht mit mir genauso: dass ich, noch ganz benommen von deinem langsam ausdünnenden Duft, dir Zotiges anwarf über die Straße hinweg, und dabei doch trotzig, zurückbleibend, augenblicklich in mein Geviert mich duckte, ins Fremdsein, in meinen verwunschenen Garten, umlagert von meinen Hunden, während du aus dem Schatten wichest? Ich blieb, ich querte die Straße nicht, ausgezirkelt aus der Welt. - Und deshalb kam es so:
 
Ich duckte mich in mein Geviert. Plattgedrückt wie eine Raupe lagst du noch eine Weile neben mir. Dann lagst du öfter neben dem Intendanten Scheurich mit den leicht stoppeligen Handrücken. Wenn ich schmerzfrei war, liebten wir uns auf Insektenart, wir machten Liebe, drückten uns platt, wir ergriffen einander auf die uns eigene Art, aber man dachte – oder ich dachte – ans Verschlingen, ans Ruhigstellen und ans Einverleiben, damit Ruhe sei; damit du, still geworden, in mir bliebest für immer, dein Eigenes verflüssigt eingelagert in meinen Körperzellen für immer, für die eine Weile und die halbe, letzte.
Ich schlug dich ins Gesicht und sagte: ich habe nur eine Mücke hindern wollen, sich an dir gütlich zu tun, ich hasse stechende Insekten. Ich drang in dich ein und hoffte, Messer zu sein in deinem pulsierenden Fleisch, hoffte, schwitzend, den Lebensfaden aus Spinnenseide zu durchtrennen und der Veränderung Einhalt zu gebieten. Dein entsetzliches Mitleid. Zuviel hatte sich schon verändert, als dass ich gegen die Zeit noch hätte gewinnen können. Dir konnte niemand helfen. Du musstest gehen.
 
Monolog also an dich, während ich die eigene Brust umarme. Wenn die Müdigkeit schwindet, ist alles vorbei. Dann muss ich in den Tag hinein sterben, gegen den ich anschlafen wollte, und hinsehen, wie der Oktober die Baumkronen entfacht. Und alle denken, das sei lustig, das sei der Beginn von etwas Neuem. Der Oktober täuscht euch alle. Aber das weiß allein ich. Ich weiß von den Täuschungen einer Welt, in der die lustigen Marienkäfer tot aus dem Himmel stürzen.
 
Stopp. – Die Worte abbremsen. – Die Gedanken untergehen lassen wie leck geschlagene Schiffsrumpfe. – Sparsam sein. Mit dem Atem. Mit der Bewegung. Mit dem Augenlicht sparsam umgehen. Jede Verwerfung einebenen und das Blut zur Ruhe bringen.
Nur noch das Gepolter der Punks vor der Kaufhalle. Ist dieser Presslufthammer endlich zur Ruhe gekommen?
 
Ich habe ihm die Pressluft abgedreht, er kommt nicht an gegen mein Bedürfnis, mich aus der Welt zu träumen. Mich einzuniedern, wohnlich, in das Geviert meiner Fremdheit. Ich bin der Stärkere. Ich werde schlafen, lange. Du bist in Sicherheit. Ich begebe mich in Sicherheit. Auch ich.
„Plock!“ macht es an meinem Ohr. Noch einmal. Ich lasse die Augen zu.
 
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-->     CC-BY-SA
Foto: Bernd Haynold
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